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Manchmal hat Maya Tränen in den Augen

Aus der Kreiszeitung / Böblinger Bote vom 11.10.2019

Ein Jahr nach dem Tod ihres Papas fragt Maya: "Wie stirbt man eigentlich?" - Keine fertige Antwort geben, sondern fragen: "Was denkst denn du?", rät das Team vom Kinder- und Jugendhospizdienst in Holzgerlingen (Kiho).

Von Anne Merz

HOLZGERLINGEN. "Da sein, zuhören, Zeit haben" für trauernde Kinder und Jugendliche. Das tun die 20 ehrenamtlich Mitarbeitenden des Ambulanten Holzgerlinger Kinder- und Jugendhospizdienstes. 18 von ihnen sind Frauen. Die 59-jährige Angelika Kaiser, seit einem starken Jahr die Koordinatorin des Kiho, wünscht sich mehr mitarbeitende Männer: "Weil Kinder auch männliche Vorbilder brauchen."

Von ihrer Mama erfährt die elfjährige Maya (Name von der Redaktion geändert): "Der Papa kommt nicht mehr." Mayas Onkel informiert den Kinder- und Jugendhospizdienst in Holzgerlingen. Bei einem sogenannten Erstgespräch erzählt Mayas Mama den zwei erfahrenen Mitarbeiterinnen vom Kiho, was passiert ist. So kommt es, dass die Pädagogin Margret Meyer jeden Freitagnachmittag zu Maya nach Hause fährt. "Unser Dasein soll eine kleine Ordnung hineinbringen", sagt die pensionierte Grund- und Hauptschullehrerin, die mit Herzblut seit sieben Jahren trauernde Kinder und Jugendliche begleitet.

Sie gestalten gemeinsam ein Erinnerungsbuch über Mayas verstorbenen Vater. Fotos werden eingeklebt, Maya bastelt und malt vor allem. Dabei lachen die beiden viel miteinander. Dann erzählt sie "der Margret", was sie gemalt hat. Manchmal hat das Mädchen Tränen in den Augen. Sechs Monate später fragt die Elfjährige die Kiho-Mitarbeiterin: "Wieso bist du da?" Damit meinte sie die wöchentlichen Besuche der Tante Margret. "Weil ich Kinder mag und Zeit für sie habe und dir helfen möchte, wenn du traurig bist."

Nach einem Jahr will Maya von der Pädagogin wissen: "Wie stirbt man eigentlich?" - "Was denkst denn du?", fragt die Kiho-Mitarbeiterin zurück und hat keine fertige Antwort parat. So kann das Kind die Wahrheit, dass der Papa gestorben ist, immer mehr an sich heranlassen.

Wichtig ist, Dinge vorsichtig und achtsam anzusprechen, "Tabus wirken fatal", sagt Kiho-Koordinatorin Angelika Kaiser. "Wir können nichts geheimhalten, weil Kinder feine Sensoren haben, also intuitiv wahrnehmen, was in einer Familie an Emotionen und Stimmungen mitschwingt." Vor allem geht es in der Kinderhospizarbeit darum, alle Gefühle und ganz besonders auch die Schuldgefühle der Kinder ernst zu nehmen und darauf einzugehen. "Trauerarbeit heißt Gefühle zulassen."

Maya fühlt sich schuldig am Tod ihres Vaters. "Das ist nicht wahr", sagt Margret Meyer liebevoll zu dem Mädchen. Sie erklärt Maya, dass der Papa krank war und seine Krankheit nichts mit ihr zu tun hatte. Das Kind müsse selber erkennen - sich dessen bewusst werden -, dass es nicht schuldig ist, betont die Kiho-Mitarbeiterin.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod macht Angst

Manchmal fragt sich Maya, ob es auch andere Kinder gibt, deren Papa "im Himmel ist". Das Kiho hat da eine Idee: Seit sieben Jahren veranstaltet es alle sechs Wochen Gruppen-Aktivitätstage, unter dem Motto "Erleben verbindet". Die Kinder und ihre Angehörigen erfahren dort: "Andern geht's genauso", erklärt Angelika Kaiser. Über die eigene Trauer mit Freunden und Mitschülern zu reden, fällt betroffenen Kindern und Jugendlichen oft schwer.

Dieses Thema macht Angst: Es erinnert an den eigenen Tod oder daran, dass auch das andere Elternteil sterben könnte. Beim gemeinsamen Klettern in den Baumwipfeln des Herrenberger Waldseilgartens fragte Maya ein anderes Mädchen. "Warum bist denn du hier?" Das sei der Anfang gewesen, dass Maya dem Tod ihres Vaters ins Auge schauen konnte, sagt Margret Meyer.

Nicht unerwähnt soll bleiben: Angesichts der Trauer der jungen Menschen fühlen sich die helfenden Begleiter des Kiho manchmal aufgewühlt und betrübt. Unter fachkundiger Beratung eines ehrenamtlichen Psychotherapeuten sprechen sie über die vielfältigen Nöte der einzelnen Trauerfamilien, um sich gegenseitig zu unterstützen.

Der Kinder- und Jugendhospizdienst rüstet seine ehrenamtlich Mitarbeitenden entsprechend zu: Die sich über ein Jahr hinstreckende Qualifikation für die Trauerbegleitung geschieht alle zwei Jahre durch Schulungen und Vorträge.

Im Sinnesgarten von Bad Boll unter Anleitung übers eigene Sterben zu meditieren, gehört auch dazu. Nach einer Meditation konnten die Schulungsteilnehmer ihre Empfindungen auf Papier malen. Traurig sei sie dabei nicht gewesen, erinnert sich die 64-jährige Margret Meyer an die Vorstellung und das Gefühl über ihren eigenen Tod: "Ich fühlte mich ruhig und gelassen."

Anders als beim von Krankenkassen bezahlten Erwachsenen-Hospizdienst wird der Kinderhospizdienst über Spenden durch Firmen und Privatleute finanziert. Aus diesen Zuwendungen konnte manchen Kindern und Jugendlichen eine Reiterfreizeit oder die Teilnahme an musikalischer Früherziehung ermöglicht werden. Morgen ist Welthospiztag. Damit wird das besondere Ehrenamt gewürdigt. Zeitgleich zu diesem Termin startet eine bunte Gruppe frisch qualifizierter ehrenamtlich Mitarbeitender im ökumenischen Hospizdienst Böblingen. Der ökumenische Hospizdienst ist dankbar für Menschen unterschiedlichen Alters, Konfession und Lebenserfahrung, die sich für eine Mitarbeit qualifizieren lassen. Information unter Telefon (0 70 31) 41 95 19 oder www.hospizdienst-bb.de. (merz)